Die Taranta-Feste in Apulien, allen voran ‚La Notte della Taranta‘, sind zentrale kulturelle Ereignisse im Salento, die auf dem historischen Phänomen des Tarantismus und dem Pizzica-Tanz basieren. Das Festival entwickelte sich von einer lokalen Tradition zu einem der größten Volksmusikfestivals Europas, das jährlich im August in Melpignano kulminiert. Der Beitrag beleuchtet die historischen Wurzeln, die Struktur des modernen Festivals mit seinen künstlerischen Leitern und die vielfältigen, oft kulinarisch geprägten Dorffeste (Sagre) Apuliens, die das reiche Brauchtum der Region zeigen. Es wird die Balance zwischen kultureller Authentizität und dem Spektakel der Kommerzialisierung diskutiert.
Die Taranta-Feste in Apulien, insbesondere das monumentale La Notte della Taranta, stellen ein zentrales kulturelles Phänomen Süditaliens dar. Diese Veranstaltungen sind mehr als nur traditionelle Dorffeste; sie repräsentieren eine tief verwurzelte kulturelle Wiederbelebung, die sich musikalisch um den Pizzica-Tanz und historisch um die Mythe des Tarantismus rankt.
Die Notte della Taranta hat sich von einer lokalen Feier zu einem der größten Volksmusikfestivals Europas entwickelt, das jährlich Tausende von Besuchern anzieht und die kulturelle Identität Apuliens, speziell der Salento-Halbinsel, internationalisiert. Die jährlichen Ausgaben bieten eine Plattform für die Verschmelzung von traditioneller Musik und zeitgenössischen Interpretationen.
Die Historischen Wurzeln: Tarantismus und Pizzica
Das Verständnis der Taranta-Feste erfordert eine Betrachtung ihrer ethnographischen und medizinischen Ursprünge. Der Tarantismus war historisch ein Ritual, das mit dem vermeintlichen Biss der Apulischen Tarantel (Lycosa tarantula) in Verbindung gebracht wurde. Die Heilung erfolgte durch einen intensiven, oft tagelangen Tanz – die Pizzica – der als kathartischer Akt diente, das Gift oder den Wahnsinn auszutreiben. Dieser Tanz ist somit ein integraler Bestandteil der Volksmedizin und des sozialen Lebens des Salento.
Schlüsselbegriffe und Fakten zum Ursprung:
- Tarantismus: Historisches Phänomen des südlichen Apulien, verbunden mit Trancezuständen und Musiktherapie.
- Pizzica: Der traditionelle Tanz, der rhythmisch und repetitiv ist und die Heilungszeremonie darstellt.
- Musikinstrumente: Die zentrale Rolle spielen die Tamburelli (Tamburine), oft begleitet von Akkordeon (Organetto) und Geige.
- Geografischer Fokus: Die Tradition ist primär in der Provinz Lecce (Salento) verankert.
- Religiöse Verflechtung: Oftmals war das Ritual mit der Verehrung bestimmter Heiliger, wie San Paolo (Heiliger Paulus) in Galatina, verbunden, was dem Phänomen eine synkretistische Note verlieh.
Die Sagra della Municeddha in Cannole, bei der Schnecken (Municeddha) zelebriert werden, oder das Mercatino del Gusto in Maglie zeigen, dass die kleineren lokalen Sagre (kulinarische Feste) die ursprüngliche, produktspezifische Volkskultur Apuliens lebendig halten, während die Notte della Taranta die musikalische Form in den Vordergrund stellt.
La Notte della Taranta: Vom Dorf zum Spektakel
Das Festival della Valle d’Itria in Martina Franca, obwohl ein Festival des Belcanto und der Oper, zeigt die Bandbreite musikalischer Großveranstaltungen in der Region, aber die Notte della Taranta dominiert die jüngere Festivalgeschichte.
Die Notte della Taranta, die typischerweise im August stattfindet und ihren Höhepunkt im Concertone in Melpignano findet, ist das Paradebeispiel für die Modernisierung der Taranta-Feste in Apulien.
Struktur und Entwicklung der Notte della Taranta:
- Wandernde Konzerte: Das Festival beginnt mit einer Reihe von kostenlosen Konzerten in verschiedenen Dörfern der Provinz Lecce, die die lokale Atmosphäre einfangen.
- Direzione Artistica: Jährlich ernennt das Festival einen Maestro Concertatore (Künstlerischer Leiter), oft ein bekannter nationaler oder internationaler Musiker, der die Aufgabe hat, die traditionelle Pizzica mit zeitgenössischen musikalischen Genres (Rock, Jazz, Elektronik) zu fusionieren.
- Das Concertone: Der Abschluss bildet das monumentale Abschlusskonzert auf dem Platz der ehemaligen Augustinerabtei in Melpignano, das regelmäßig zehntausende Besucher anzieht.
- Kultureller Export: Das Festival dient als wichtiges Vehikel für den kulturellen Export des Salento und wird weltweit rezipiert.
Die Pizzica auf diesen großen Bühnen wird oft in einer zeitgenössischen, elektrifizierten Form präsentiert, was Kritiker wie Befürworter auf den Plan ruft, aber die Popularität der Taranta-Feste in Apulien weiter steigert.
Die Vielfalt der ‚Sagre‘ als kulinarische Taranta-Begleiter
Parallel zur großen Musikveranstaltung existiert eine Fülle kleinerer, themenspezifischer Sagre (Feste), die die gastronomische Tradition Apuliens zelebrieren. Diese Straßenfeste in Apulien bieten einen direkten Zugang zur lokalen Cucina Povera und den regionalen Produkten.
Beispiele für kulinarische Feste im Salento und Apulien (August-Beispiele):
- Festa della Municeddha (Cannole): Dediziert den Schnecken, zubereitet auf verschiedene traditionelle Arten.
- I Colori dell’Olio (Presicce): Fokussiert auf das lokale Olivenöl mit Führungen zu alten Ölmühlen (Frantoi Ipogei).
- Sagra dei Cicatelli (Celle di San Vito): Zelebriert eine spezifische Pastaform.
- Mercatino del Gusto (Maglie): Ein großer Markt, der apulische Spezialitäten wie frische Pasta, Käse, Wein und Olivenöl präsentiert.
Diese Sagre sind essenziell, da sie die Verbindung zwischen Landwirtschaft, Handwerk und Gemeinschaft pflegen, oft mit Vorführungen alter Handwerkskunst und traditioneller Kleidung.
Weitere Kulturelle Feste in Apulien zur Ergänzung
Das kulturelle Spektrum der Feste in Apulien geht über die Taranta-Feste hinaus und umfasst historische Rekonstruktionen, religiöse Feiern und Musikfestivals unterschiedlicher Genres.
Beispiele für nicht-Taranta-Kulturfestivals:
- Le Notti della Contea (Conversano): Mittelalterliche Feste mit Militärlagern und Handwerkskunst.
- Notte Bianca (Specchia): Eine Nacht mit Konzerten, Straßenkunst und Handwerksdarbietungen.
- Festival della Valle d’Itria (Martina Franca): Konzentriert sich auf Oper und Belcanto.
- Festa di San Rocco und Danza dei Coltelli (Torrepaduli): Beinhaltet den traditionellen Säbeltanz im Rhythmus von Trommeln.
Diese Vielfalt zeigt, dass die Taranta-Feste in Apulien Teil eines breiteren, lebendigen Brauchtums sind, das sowohl die Musik als auch die kulinarischen und historischen Aspekte der Region Apulien umfasst. Für tiefergehende Einblicke in die musikalische Kultur der Region empfiehlt sich die Lektüre über die Italienische Musik der 80er Jahre oder die aktuellen Entwicklungen in der italienischen Musikszene.
Aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Die größte Herausforderung für die Taranta-Feste in Apulien, insbesondere die Notte della Taranta, liegt in der Balance zwischen Authentizität und Kommerzialisierung. Die Professionalisierung und das Wachstum des Festivals führen zu intensiven Debatten über die Bewahrung des Pizzica-Kernethos. Die Direzione Artistica spielt eine entscheidende Rolle, um sicherzustellen, dass die musikalische Fusion respektvoll erfolgt und die Wurzeln der Volksmusik nicht überlagert werden.
Fakt ist, dass die Taranta-Feste in Apulien ein dynamisches kulturelles Produkt sind, das sich ständig weiterentwickelt, während es gleichzeitig das historische Trauma und die soziale Funktion des Tarantismus in eine moderne, gemeinschaftsstiftende Feier transformiert. Die jährliche Wiederholung dieser Ereignisse zementiert die kulturelle Identität des Salento als Zentrum der Pizzica-Tradition in Italien und Europa.
FAQ
Was ist der historische Ursprung der Taranta-Feste in Apulien?
Die Feste basieren auf dem historischen Phänomen des Tarantismus, einer Form der Musiktherapie, bei der intensive Tänze, die Pizzica, zur Heilung eines vermeintlichen Spinnenbisses praktiziert wurden. Diese Tänze sind der Kern der heutigen Taranta-Feste.
Wo findet das Hauptkonzert der ‚Notte della Taranta‘ statt?
Das Hauptkonzert, das ‚Concertone‘, findet traditionell am Ende des Festivals im August auf dem Platz der ehemaligen Augustinerabtei in Melpignano (Provinz Lecce) statt.
Welche Rolle spielt der Pizzica-Tanz bei diesen Festen?
Die Pizzica ist der zentrale Tanz der Taranta-Feste. Ursprünglich ein Heilungsritual, ist sie heute der wichtigste Ausdruck der traditionellen Musik und des Gemeinschaftsgefühls im Salento, der sowohl in traditioneller als auch in zeitgenössisch interpretierter Form aufgeführt wird.
Was sind ‚Sagre‘ und wie unterscheiden sie sich von der Notte della Taranta?
‚Sagre‘ sind lokale, oft thematisch fokussierte Feste (z.B. für Wein, Olivenöl oder spezifische Pasta) in den Dörfern Apuliens. Sie zelebrieren die lokale Gastronomie und das Handwerk. Die Notte della Taranta ist primär ein großes, musikalisches Volksmusikfestival mit Fokus auf die Pizzica.






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